Tagebuch in Farbe

Manchmal beschäftigen wir uns mit Fragen, von denen wir wissen, dass sie eigentlich nicht „wichtig“ sind. Und doch kehren sie immer wieder zurück. 

Eine dieser Fragen war für mich: Welche Farbe hat eigentlich ein Tag? Welche Farbe hat eine flüchtige Notiz oder ein festgehaltener Gedanke? Und wie speichert man diese Farben an einem Ort, der wirklich privat bleibt? 

In der Bilderwelt des Mittelalters begegnet man immer wieder dem Hortus Conclusus – die Darstellung eines abgeschlossenen Gartens. Darin sind bunte Blumen und Sträucher der florale Ausdruck von Gefühlen und Gedanken. Ich habe mich gefragt: Ist ein solcher Ort der absoluten Vertraulichkeit digital heute überhaupt noch möglich?

Die Entstehung von MyDiary 

Aus dieser spielerischen Neugier heraus entstand über viele Tage – und mit Unterstützung von KI – ein HTML-Code, der genau das garantiert: MyDiary. 

Es ist ein bewusster Bruch mit der serverbasierten, cloudnutzenden digitalen Tradition. MyDiary ist ein Dienst, der Daten nur auf einem einzigen Gerät und nur in einem einzigen Browser speichert. 

• Radikale Privatheit: 

MyDiary verzichtet konsequent auf das Sammeln von Daten. Kein Algorithmus liest mit. Keine KI wertet die Farbwahl aus. Keine Werbung. Nichts. 

• Minimalistischer Anspruch: 

In einer Ära des digitalen Exhibitionismus ist MyDiary ein Raum der absoluten Abgegrenzheit. Ein Raum für den Dialog mit sich selbst.

Deine Stimmung als „pointillistisches Kunstwerk“ 

Das Herzstück von MyDiary sind fünf eingefärbte Kugeln. Diese Farben korrespondieren mit fünf abgestuften Stimmungen. Ich habe sie über Wochen für mich herausdestilliert – sie sind subjektiv und ohne Anspruch auf Objektivität, so wie Gefühle es eben sind. Mit jeder Farbkugel kann eine Notiz oder ein Bild verbunden sein – oder sie steht einfach nur für sich. Wenn nach einiger Zeit 30 oder 40 Kugeln in der virtuellen Schale liegen, entsteht daraus etwas Pointillistisches. 

Du kannst den Blick auf deine Schale drehen, die Perspektive erhöhen, senken oder zoomen. Du setzt dich aktiv mit deinen eigenen Farbentscheidungen auseinander. 

Wer möchte, kann daraus ein Bild generieren – einen Screenshot, der analog ausgedruckt zu einem Kunstwerk deines Lebens wird. 

Ein wichtiger Hinweis zur Sicherheit 

Da deine Privatsphäre heilig ist, liegen deine Daten ausschließlich lokal auf deinem Gerät. Bitte denke daher ab und zu an ein Backup, damit deine Lichtkugeln erhalten bleiben, auch wenn du einmal das Gerät wechselst oder den Browser bereinigst. Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken deiner eigenen Farbvarianten.

Switch On Your Light!

www.soyl.org

www.switchonyourlight.com

Zeitlos: der Kindermord zu Bethlehem

Was auf den ersten Blick wie eine verschneite Dorfszene im winterlichen Flandern des 16. Jahrhunderts wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als erschütternde Darstellung des biblischen Kindermordes.
Pieter Bruegel d. Jüngere,                                                                   
Kopie: Der Kindermord zu Bethlehem, KHM Wien.

Bruegel verlegt die Erzählung aus dem Matthäus-Evangelium in seine eigene Zeit und Heimat mit eindeutiger Symbolik – eine künstlerische und politische Entscheidung, die Bruegel selbst in Gefahr brachte, konnte doch Widerstand gegen die damals in Flandern herrschenden Habsburger mit dem Tod bestraft werden.
Soldaten in zeitgenössischen spanischen Uniformen dringen in ein verschneites Dorf ein. Zwischen den Häusern, auf dem gefrorenen Dorfplatz, entfaltet sich das Drama: Mütter verzweifeln, Väter versuchen zu schützen, Dorfbewohner werden zu hilflosen Zeugen. Die Brutalität des Geschehens wirkt durch die alltägliche Winterkulisse noch verstörender – und rechts am unteren Rand des Bildes der Verweis auf die Habsburger: ein spanischer Reiter, der einen gelb schwarzen Stab in der Hand hält. Das Zeichen der Habsburger.

Die Kunst der Komposition
Bruegel malt das Geschehen aus der Vogelperspektive, die den Betrachter zu einem distanzierten Zeugen macht. Wie bei einem tragischen Wimmelbild erfasst man erst nach und nach die vielen kleinen Szenen des Schreckens, die sich überall im Bild abspielen. Diese scheinbare Distanz macht die Darstellung umso eindringlicher – man kann kaum wegsehen, sucht unwillkürlich nach weiteren Details und wird erinnert an so manchen Medienbericht heutiger Gewaltschauplätze.

Zeitlose Aktualität
Dieses Bild zeigt in der Darstellung von Gewalt und Machtausübung eine zeitlose Aktualität. Der Krieg und die Zerstörungen in der Ukraine, die brutale Ermordung unschuldiger israelischer Bürger durch die verbrecherische Hamas, der Vergeltungskrieg Israels mit der Zerstörung Gazas und dem Tod zehntausender palästinensischer Zivilisten, der innerstaatliche Krieg im Sudan gefolgt von einer katastrophalen Hungersnot, überall sind Kinder Opfer. Und weitere Konflikte kündigen sich schon an.Darüberhinaus besitzt dieses Bild noch eine zweite Aktualität.

Die Geschichte einer Zensur
Das Schicksal dieses Gemäldes ist selbst ein Kapitel über Macht und Zensur: Kurz vor 1620 ließ vermutlich Kaiser Rudolf II., der das Bild besaß, die drastische Darstellung übermalen. Aus den ermordeten Kindern wurden Gänse, Schwäne, Käse und Schinken – aus dem Massaker eine harmlose Dorfplünderung. Dem katholischen Herrscher war möglicherweise die politische Brisanz (die Anspielung auf Herzog Alba) oder die schockierende Direktheit zu heikel.
Diese übermalte Version ist das Original, das heute in der Royal Collection hängt.
Das unzensierte Motiv können wir heute noch sehen, denn Bruegels Sohn Pieter Bruegel der Jüngere fertigte zuvor eine authentische Kopie an, die im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. So zeigt die Wiener Version paradoxerweise das ursprüngliche Konzept des Vaters und deckt einen historischen Fake der Mächtigen auf.Eben zeitlos.
Zum Werk: Öl auf Holz, ca. 116 × 160 cm, 1565-1567;                              Original (übermalt): Royal Collection Trust, Hampton Court Palace, Unzensierte Kopie: Kunsthistorisches Museum Wien