Zeitlos: der Kindermord zu Bethlehem

Was auf den ersten Blick wie eine verschneite Dorfszene im winterlichen Flandern des 16. Jahrhunderts wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als erschütternde Darstellung des biblischen Kindermordes.
Pieter Bruegel d. Jüngere,                                                                   
Kopie: Der Kindermord zu Bethlehem, KHM Wien.

Bruegel verlegt die Erzählung aus dem Matthäus-Evangelium in seine eigene Zeit und Heimat mit eindeutiger Symbolik – eine künstlerische und politische Entscheidung, die Bruegel selbst in Gefahr brachte, konnte doch Widerstand gegen die damals in Flandern herrschenden Habsburger mit dem Tod bestraft werden.
Soldaten in zeitgenössischen spanischen Uniformen dringen in ein verschneites Dorf ein. Zwischen den Häusern, auf dem gefrorenen Dorfplatz, entfaltet sich das Drama: Mütter verzweifeln, Väter versuchen zu schützen, Dorfbewohner werden zu hilflosen Zeugen. Die Brutalität des Geschehens wirkt durch die alltägliche Winterkulisse noch verstörender – und rechts am unteren Rand des Bildes der Verweis auf die Habsburger: ein spanischer Reiter, der einen gelb schwarzen Stab in der Hand hält. Das Zeichen der Habsburger.

Die Kunst der Komposition
Bruegel malt das Geschehen aus der Vogelperspektive, die den Betrachter zu einem distanzierten Zeugen macht. Wie bei einem tragischen Wimmelbild erfasst man erst nach und nach die vielen kleinen Szenen des Schreckens, die sich überall im Bild abspielen. Diese scheinbare Distanz macht die Darstellung umso eindringlicher – man kann kaum wegsehen, sucht unwillkürlich nach weiteren Details und wird erinnert an so manchen Medienbericht heutiger Gewaltschauplätze.

Zeitlose Aktualität
Dieses Bild zeigt in der Darstellung von Gewalt und Machtausübung eine zeitlose Aktualität. Der Krieg und die Zerstörungen in der Ukraine, die brutale Ermordung unschuldiger israelischer Bürger durch die verbrecherische Hamas, der Vergeltungskrieg Israels mit der Zerstörung Gazas und dem Tod zehntausender palästinensischer Zivilisten, der innerstaatliche Krieg im Sudan gefolgt von einer katastrophalen Hungersnot, überall sind Kinder Opfer. Und weitere Konflikte kündigen sich schon an.Darüberhinaus besitzt dieses Bild noch eine zweite Aktualität.

Die Geschichte einer Zensur
Das Schicksal dieses Gemäldes ist selbst ein Kapitel über Macht und Zensur: Kurz vor 1620 ließ vermutlich Kaiser Rudolf II., der das Bild besaß, die drastische Darstellung übermalen. Aus den ermordeten Kindern wurden Gänse, Schwäne, Käse und Schinken – aus dem Massaker eine harmlose Dorfplünderung. Dem katholischen Herrscher war möglicherweise die politische Brisanz (die Anspielung auf Herzog Alba) oder die schockierende Direktheit zu heikel.
Diese übermalte Version ist das Original, das heute in der Royal Collection hängt.
Das unzensierte Motiv können wir heute noch sehen, denn Bruegels Sohn Pieter Bruegel der Jüngere fertigte zuvor eine authentische Kopie an, die im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. So zeigt die Wiener Version paradoxerweise das ursprüngliche Konzept des Vaters und deckt einen historischen Fake der Mächtigen auf.Eben zeitlos.
Zum Werk: Öl auf Holz, ca. 116 × 160 cm, 1565-1567;                              Original (übermalt): Royal Collection Trust, Hampton Court Palace, Unzensierte Kopie: Kunsthistorisches Museum Wien